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Historia naturalis

Original Text

[...] Exeundum deinde est, ut extera Europae dicantur, transgressisque Ripaeos montes litus oceani septentrionalis in laeva, donec perveniatur Gadis, legendum. insulae complures sine nominibus eo situ traduntur, ex quibus ante Scythiam quae appellatur Baunonia unam abesse diei cursu, in quam veris tempore fluctibus electrum eiciatur, Timaeus prodidit. reliqua litora incerta. signata fama septentrionalis oceani. Amalchium eum Hecataeus appellat a Parapaniso amne, qua Scythiam adluit, quod nomen eius gentis lingua significat congelatum. Philemon Morimarusam a Cimbris vocari, hoc est mortuum mare, inde usque ad promunturium Rusbeas, ultra deinde Cronium. Xenophon Lampsacenus a litore Scytharum tridui navigatione insulam esse inmensae magnitudinis Balciam tradit, eandem Pytheas Basiliam nominat. feruntur et Oeonae, in quibus ovis avium et avenis incolae vivant, aliae, in quibus equinis pedibus homines nascantur, Hippopodes appellati, Phanesiorum aliae, in quibus nuda alioqui corpora praegrandes ipsorum aures tota contegant.

 

Incipit deinde clarior aperiri fama ab gente Inguaeonum, quae est prima in Germania. mons Saevo ibi, inmensus nec Ripaeis iugis minor, inmanem ad Cimbrorum usque promunturium efficit sinum, qui Codanus vocatur, refertus insulis, quarum clarissima est Scatinavia, inconpertae magnitudinis, portionem tantum eius, quod notum sit, Hillevionum gente quingentis incolente pagis: quare alterum orbem terrarum eam appellant. nec minor est opinione Aeningia. quidam haec habitari ad Vistlam usque fluvium a Sarmatis, Venedis, Sciris, Hirris tradunt, sinum Cylipenum vocari et in ostio eius insulam Latrim, mox alterum sinum Lagnum, conterminum Cimbris. promunturium Cimbrorum excurrens in maria longe paeninsulam efficit, quae Tastris appellatur. XXIII inde insulae Romanis armis cognitae. earum nobilissimae Burcana, Fabaria nostris dicta a frugis multitudine sponte provenientis, item Glaesaria a sucino militiae appellata, barbaris Austeravia, praeterque Actania.

German

Naturgeschichte
Translated by G. C. Wittstein

Die Inseln des nördlichen Ozeans
[...] Wir wollen jetzt die äußeren Teile von Europa kennenlernen und wenden uns, nachdem wir die riphäischen Gebirge[1] überstiegen haben, zu der Küste des nördlichen Ozeans linksherum, bis wir wieder nach Gades[2] gelangen. Auf dieser Strecke werden mehrere Inseln ohne Namen angeführt. Unter ihnen liegt eine vor Scythien, welche auch Raunonia heißt, eine Tagesreise von der Küste entfernt, auf welche, nach Timäus' Bericht, die Fluten zur Frühlingszeit Bernstein auswerfen.[3] Die übrigen Küsten kennt man nur aus zweifelhaften Gerüchten. Hier befindet sich der nördliche Ozean; Hecatäus[4] nennt ihn von dem Flusse Paropamisus[5] an, soweit er Scythien bespült, den amalchischen, welches Wort in der dortigen Volkssprache »zugefroren« bedeutet. Philemon[6] sagt, es werde bis zum Vorgebirge Rubeas[7] von den Cimbern[8] Morimarusa, d. h. totes Meer genannt; weiterhin heiße es Cronium. Nach Xenophon von Lampsacus liegt in einer Entfernung dreier Seetagereisen von der scythischen Küste eine Insel Baltia[9], von ungeheurer Größe; Pytheas nennt sie Basilia. Auch ist von oonischen Inseln die Rede, deren Bewohner von Vogeleiern und Hafer leben. Andere, auf denen die Menschen mit Pferdefüßen geboren werden sollen, heißen die Hippopoden; noch andere, die panotischen Inseln[10], wo die Menschen nackend gehen und ihren Körper mit ihren eigenen sehr großen Ohren ganz bedecken.

 

Bestimmtere Nachrichten haben wir von den Ingävonen[11], dem ersten Volke in diesem Teile von Germanien. Hier erhebt sich das ungeheuere Gebirge Sevo[12], das den Riphäen nichts nachgibt und bis zum cimbrischen Vorgebirge[13] hin einen inselreichen Busen, Codanus[14], bildet. Die berühmteste dieser Inseln ist Skandinavien[15], deren Größe man nicht kennt; nur einen Teil davon bewohnt, soviel man weiß, in 500 Gauen das Volk der Hillevionen, welche ihr Land den andern Erdkreis nennen. Für nicht kleiner hält man Eningia[16], welches Land nach der Behauptung mancher bis zum Flusse Vistula[17] von den Sarmaten, Venedern, Sciren und Hirren bewohnt wird. Dieser Busen heißt Cylipenus[18] und die an seiner Mündung liegende Insel Latris[19]. Nicht weit davon ist ein zweiter Busen, Lagnus[20], der an Cimbrien grenzt. Das weit ins Meer auslaufende cimbrische Vorgebirge bildet die Halbinsel Cartris[21]. Dann folgen 23 Inseln, welche durch die Kriege der Römer bekannt geworden sind. Unter diesen verdienen bemerkt zu werden: Burchana[22], wegen einer daselbst wildwachsenden bohnenartigen Frucht von den Römern Fabaria genannt; ferner Glessaria[23], welchen Namen ihr die Soldaten wegen des Bernsteins (Glessum) gaben; bei den Barbaren heißt sie Austrantia, außerdem auch Actania.


[1] Ein mythisches Gebirge der antiken Geographie am nördlichen Rand der Welt.

[2] Cadiz in Spanien.

[3] Wohl nichts anderes als die Nehrungen des frischen und kurischen Haffs an den Küsten von Preußen.

[4] Von Milet im 6. Jahrh. v. Chr.

[5] Die Oder?

[6] Um welchen Philemon es sich handelt, lässt sich nicht bestimmen.

[7] Nach einigen die nördliche Spitze von Kurland, wahrscheinlicher ein Vorgebirge in Schweden.

[8] Sie bewohnten Jütland, Schleswig und Holstein.

[9] Skandinavien.

[10] Möglicherweise Wollin an der Mündung der Oder.

[11] Dieser Name begreift fast alle in Norddeutschland von den Rheinmündungen bis nach Preußen hin und zum Teil in Skandinavien wohnenden Völker: die Friesen, Sturier, Marsacier zwischen der Schelde und Eider; die Cauchen, Angivarier an der Nordsee, die Sachsen mit den Nord-Albingern (oder Dänen), die Esten und Wenden in Preußen, die Schweden und Finnen etc.

[12] Höchstwahrscheinlich der Kjölen zwischen Norwegen und Schweden. Plinius scheint also zu irren, wenn er dieses Gebirge an die Grenzen Germaniens versetzt.

[13] Kap Skagen in Jütland.

[14] Die Südwestseite der Ostsee.

[15] Das südliche Schweden.

[16] Auch Epigia, wahrscheinlich Finnland.

[17] Weichsel

[18] Die ganze Südseite der Ostsee.

[19] Wahrscheinlich Seeland. Andere halten den Meerbusen Cylipenus für den Bucht von Riga und Latris für die Insel Ösel.

[20] Vermutlich das Kattegat.

[21] Jütland.

[22] Borkum an der Mündung der Ems.

[23] Ameland.