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Bericht vom Lebens- und Todeslauf eines merkwürdigen Mannes

Original Text

Wie ein leidender Leib den Fremdkörper ausscheidet im eitrigen Aufbruch einer Stelle, so schied das Geschlecht der Herzöge von Croy den jungen Karl Eugenius aus, und es brauchte nur geringer Zeit, da hatte die Wunde sich wieder geschlossen nach dem Gesetz der Selbstheilung, das unzerstörten Leibern und Geschlechtern eigen ist. Endlich ließ sich auch die Narbe nicht mehr gewahren, es sei denn dem in langen Nächten geschärften Mutterblick der Herzogin; die aber starb nach wenigen Jahren.

Der Fremdkörper geriet in kriegerische Wanderschaft. Karl Eugenius diente der Krone Dänemark, den Generalstaaten, dem Kaiser, dem sächsisch-polnischen Hause. Er zeichnete sich aus, er avancierte; aber die unzügelbaren Ausbrüche seiner grobschlächtigen Lebegier brachten den Trinker, Spieler und Schuldenmacher immer wieder in ärgerliche Händel. Nach einem vielbelachten, zugleich höchst anstößigen Auftritt sah König August die Notwendigkeit, ihn für eine Weile zu entfernen, und sandte ihn mit einem Auftrage zu seinem Verbündeten, dem Zaren Peter, welcher seit Wochen die estländische Stadt Narwa belagerte, beschoß, vergebens bestürmte. Gutgelaunt, allen Gläubigern unerreichbar, traf Croy um die Mitte des Novembermonats vor Narwa ein, zur Zeit, da die ersten Meldungen vom Anmarsch der schwedischen Entsatzarmee kamen. Der breitgesichtige, vierschrötige Mann, dem niemand sein erlauchtes Geblüt ansah, stand salutierend vor dem Zaren in der prunkvollen Unwohnlichkeit des Blockhauses; er trug seine Sache vor, trocken und eifrig wie ein sorgsamer Bauer, dem seine Verrichtung wichtig ist und der außer ihr wenig im Kopfe zu haben braucht, es sei denn die lärmige Freude, welche er sich vom Feierabend erwartet. Peter musterte ihn genau, bestellte ihn zum Abendessen, füllte ihm selber den bauchigen Branntweinpokal. Schnaufend, mit hochroten Köpfen und geöffneten Westen hingen sie in ihren Sesseln, erzählten einander grobe Späße, brüllten ihr Gelächter, wie besoffene Seeleute es tun.

»Was, erst Oberst?« schrie Peter. »Bruder, bei mir hättest du es weiter gebracht!«

Er umarmte ihn, als Croy schon auf der Bahre lag, um von zwei Gardisten in sein Quartier getragen zu werden.

Vier Stunden danach, noch vor Morgengrauen, sprang Peter vom Bett, ließ sich mit eiskaltem Wasser übergießen, befahl sein Pferd. Als er aus dem Blockhause trat, bemerkte er im rötlichen Fackellicht den Herzog in Federhut und Reitpelz, ein Pferd am Zügel.

»Was, schon ausgeschlafen?« fragte der Zar.

»Ausgeschlafen, Ew. Majestät«, erwiderte Croy ruhig.

»Gut, komm mit«, sagte Peter. Sie stiegen zu Pferde, ritten die verschneite Stellung ab, revidierten die Posten, prüften die Ausbesserungsarbeit in den zerschossenen Laufgräben.

Einige Tage gingen. Peter hatte den Herzog erprobt: beim Trunk, im Kriegsrat, im Abreiten der Stellungen. Er fand an ihm ein Gefallen, das Gefallen wuchs. Was ihn anzog, war dies Beieinandersein von soldatischer Sachkunde, soldatischem Verlaß und breitwürfig säuferischem Ungestüm, hinter welchem er eine reiche und leidenschaftliche Natur vermuten mochte; hier meinte er, ob auch im kleineren, ein Stück des eigenen Wesens bestätigt zu finden.

König Karl rückte näher, in zwei, drei Tagen war der Angriff zu erwarten. 

Peters Beweggründe haben sich nicht aufhellen lassen: Dachte er wirklich Verstärkungen heranzuholen und meinte er, nur seiner flammenden Tatkraft könne das ohne Zeitverlust gelingen? Oder riet ihm ein dunkles Vorgefühl, den eigenen, kriegerisch noch unbewährten Kaisernamen nicht durch die Verantwortung für eine Niederlage zu gefährden?

Genug, mitten in der Nacht befahl er seinen Schlitten, seine Generäle und den Herzog von Croy. Die Herren waren versammelt, Peter trat reisefertig vor sie und unterrichtete die Betroffenen knapp und herrisch von seinem Entschluß.

»Komm her, Herzog«, fügte er hinzu. »Ich übertrage dir den Oberbefehl. Du bist Generalfeldmarschall.«

Croy riß Mund und Augen auf, hob den Kopf, wollte Einwendungen machen.

»Ach was!« schrie Peter. »Hier ist die Order!«

Er warf ein gesiegeltes Papier auf den Tisch, grüßte kurz und verließ den Raum. Gleich danach hörte man draußen Peitschenknall und Schellengeklingel, der sechsspännige Schlitten jagte davon.

Tags darauf geschah im Schneegestöber die Schlacht. Wir kennen den Ausgang. Ob Croy ihn hätte wenden können, das hat uns hier nicht zu kümmern. Bei Dunkelheit, mit durchschossenem Hut, ohne Pferd, mußte er sich ergeben.

König Karl ließ sich einige der gefangenen Generäle vorstellen. Als ihm der Herzog genannt wurde, winkte er mit Schärfe ab. »Ich will den Säufer nicht sehen.« Er kannte seinen Ruf.

Die gefangenen Mannschaften wurden waffenlos in ihre Heimat entlassen, die Offiziere in das befreite Narwa geführt. Croy sah sich finster nach Würfelgefährten um, Kost und Quartier in der lange belagert gewesenen Stadt waren erbärmlich, der Herzog fluchte wie ein Stallknecht. Oder er hockte trübselig da, ein riesiges, von aller Vorstellungskraft leeres Kind, das sich plötzlich ohne Spielzeug und Zeitvertreib findet.

Was ging ihn Zar Peter an? Croy hatte in fünf Armeen gedient, warum sollte er nicht in der sechsten dienen? Er bat um Audienz bei König Karl, die Bitte wurde abgeschlagen. Er wandte sich an den Obersten Horn, Festungskommandanten von Narwa: »Herr Bruder, richten Sie es mir ein, Ihr König soll mir ein Kommando geben, ich verspreche Ihnen die Hälfte meines ersten Jahrsoldes.«

Horn kam zurück und erklärte: »Die Majestät hat nicht die Gnade gehabt, auf mein Vorbringen zu antworten. Im übrigen ist Befehl gegeben, die gefangenen Herren nach Reval zu führen.«

Dem Herzog war bekannt: In Reval gab es Reichtum, Behagen und jede Gemächlichkeit, die in Narwa entbehrt werden mußte. Sein Ansuchen, in schwedischen Dienst übernommen zu werden, hatte, ihm selber kaum deutlich, nur den Sinn gehabt, ihm aus der kargen Öde seines Narwaer Lebens zu helfen. In herzlicher Wohllaune hörte er Horns Mitteilungen an, in herzlicher Wohllaune traf er mit den Gefährten seiner Niederlage und Gefangenschaft – es waren neun Generale und zwei starke Dutzend höherer Stabsoffiziere – in Reval ein. Auf dem Boden dieser Stadt sollte er nach dem Ratschluß der Vorsehung zwei Jahre verleben und zwei Jahrhunderte verbringen.


In Reval erhielten die Gefangenen ihre Degen zurück und durften sich auf Ehrenwort frei bewegen. Man wies ihnen Quartiere in den Häusern reicher Patrizier an. Schon am Abend nach seiner Ankunft wurde Croy von einigen Stadtsoldaten respektvoll in seine Wohnung getragen, eine Woche später kannte ihn jedes Kind, nicht lange danach wurde in der ganzen Landschaft Harrien von ihm gesprochen; Leute kamen zur Stadt, nur um ihn zu sehen, mit ihm bekannt zu werden und zu trinken.

Croy war genau gewesen in seinem Dienst; vielleicht hatte ein Trieb in ihm gewußt – denn sein Kopf wußte wenig von solchen Dingen –, daß er einer strengen Lebensverzäunung bedurfte, um nicht gänzlich der eigenen Ungezähmtheit überantwortet zu sein. Jetzt, aller Verpflichtung, aller Verrichtung ledig, rannte er stierisch in ein plumpes und unfürstliches Schenkenbehagen. Er spielte und soff in Gildstuben und Herbergen, in den Quartieren der Gefangenen und der schwedischen Garnisonsoffiziere, den Häusern rasch gewonnener und ohne Wahl gepflegter Bekanntschaften. Er bewirtete wildfremde Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Art. Auf offenem Markt traktierte er zur Stadt gekommene Bauern mit französischem Rotwein. In einer Laune zerschlug er am Hafen mit einer Seemannsaxt drei Fässer Aquavit; holländische, schwedische, finnische Matrosen stürzten heran, rauften um den Platz, fingen die Flüssigkeit in Hüten und Hohlhänden. Der Herzog stand dabei, rot angelaufen im Gesicht, und brüllte mit seinem dröhnenden Korporalsgelächter: »Heran! Heran! Wasser des Lebens umsonst!« Ein Stadtsoldat wollte den ärgerlichen Auflauf zerstreuen, Croy gab ihm einen Taler und jagte ihn mit gutmütiger Grobheit weg. Der Mann salutierte noch aus der Ferne, wie hätte er den Feldmarschall und Herzog anrühren können?

Die Matrosen schrien, einer stach mit dem Messer, hier und dort kollerte ein Steifgetrunkener zur Seite. Dem Herzog quollen die Augen vor, die Gier hielt ihn nicht länger; plötzlich sprang er mitten in den tobenden Haufen, riß zwei Mann zur Seite, kniete unter der Menge und trank vom Faßboden wie aus einer Quelle.

Seine Mitgefangenen, unter denen ja viele hochgestellte Männer waren, Russen und Ausländer, hatten sich ihm anfangs ferngehalten; teils weil sie ihm die unbillige Bevorzugung verdachten, die er von Peter erfahren hatte, teils weil ihnen seine bauernburschige Derbheit zuwider war; vielleicht auch waren manche der Meinung, der Zar könne ihm die Schuld an der Niederlage aufbürden, da sei es nicht ratsam, in den Geruch der Freundschaft mit ihm zu kommen. Mit der Zeit aber mußten sie sich ihm zum Umgang ergeben, denn es war ja nicht möglich, seinem kindlichen Ungestüm und seinem treuherzigen Andringen zu widerstehen. Einige unter ihnen, welche deutscher oder schottischer Abkunft waren, suchten mitunter den Herzog, wiewohl vergeblich, von allerlei Tollheiten abzuhalten; die Russen aber lachten und ließen ihn gewähren.

Obwohl der Herzog keine feine Zunge hatte – denn wie hätte dieser Bärenleib etwas Feines in sich dulden können? –, rühmte er sich gern seiner Kenntnis sämtlicher Weinarten, die in Europa gebaut, sämtlicher Biergattungen, die in Europa gebraut wurden. Nun aber ließen ihn die winterliche Kälte und der Brauch des Landes mit der dritten Grundart der starken Getränke bekannt werden, mit dem Branntwein, mit dem er bis dahin nur in einem Verhältnis oberflächlicher Gelegenheitsfreundschaft gestanden war. Auch hier indessen war es ihm mehr um die Menge und Kräftigkeit des Trunkes zu tun als um die feine und kunstvolle Art der Mischungen, der Zusätze und Abzugsprozesse, wie sie in den nordöstlichen Ländern mit liebreicher Sorgfalt und mit wetteifernder Erfindung in allen Häusern gehütet und vererbt wird. Er nahm den Schnaps aus Weinbechern und Biergefäßen, er schlang Gesalzenes dazu, Gepfeffertes und Geräuchertes, indem er auch hier der Menge vor der Güte den Vorzug ließ, mit jener unschuldigen und auf kein Verhehlen bedachten Gier, mit welcher ein gesundes Kind von zwei Jahren seine Nahrung nimmt. Im Trunk schloß er tolle Wetten und hatte eine Kinderfreude, sie unter Leibesgefahr zu gewinnen; davon waren bald viele Erzählungen im Schwange. Den Verlust aber im Wetten wie im Spiel nahm er gleichmütig hin, ohne Groll, ja, mit einem Lachen gutherziger Schadenfreude, als sei einem fremden Verlierer sein Recht geschehen.

Über der Stadt Reval, im Schloß auf dem Domberg, residiert Matthias von Poorten, Statthalter des Königs, ein strenger und genauer Mann, von welchem König Karl immer wieder Geld, Korn, Pferde und Rekruten verlangt. Poorten hat die Höflichkeit gehabt, den Herzog einmal zu seiner Tafel zu bitten, und der Herzog meint nachher, er habe sich sehr gut unterhalten. Der Statthalter aber ist folgenden Tages von seiner Frau und einigen anderen Damen gebeten worden, es möge bei diesem einen Mal sein Bewenden haben; dies hat er ihnen auch zugestanden.

Poorten zahlt den Gefangenen zu ihrem Unterhalt einen Sold, nach ihrem Range gestuft und mit der Sparsamkeit bemessen, welche in großen Kriegszeiten geboten ist; und der König hat ja über jedes Kupferstück eine Rechenschaftslegung eingeführt. Des Herzogs Sold als der des Generalfeldmarschalls ist natürlich der höchste, er selber aber bekommt ihn kaum zu Gesicht, denn an den Zahlungstagen drängen sich seine Gläubiger vor der Kanzlei der Statthalterschaftskasse. Dies kümmert ihn wenig: Sein Rang und Name haben ihm ja vom ersten Tage an einen weiträumigen Kredit geöffnet. Seine Schulden wachsen geschwind, dennoch borgt man ihm in der reichen Stadt unbedenklich weiter. Croy zahlt nicht, Croy rechnet nicht, er läßt sich geben, was er braucht, und unterschreibt, was von ihm verlangt wird. Dies scheint ihm in der Ordnung, und die Leute haben im Borgen ja auch eine freundliche Bereitwilligkeit; die meisten können ihn gut leiden, er ist ein Mensch, den man nicht gern traurig oder in Nöten sieht; es ist, als ahnte man wohl, daß er ja auch mit einer Traurigkeit und einer Not nichts anzufangen wüßte.

Er ist ein glücklicher Mensch, der Herzog von Croy: Denn bei allem, was er treibt, ist sein Herz gänzlich. Nicht viele Menschen leben so, daß nicht irgendein Winkelchen in ihrem Wesen leer bliebe, unbeteiligt, unangerührt von ihrem Tun; da muß er sich füllen mit allerlei Ungenügen, allerlei Sehnsucht, allerlei quälerischen Ängsten. Von solchen Dingen weiß der Herzog nichts, das spüren auf ihre Weise alle, die ihm begegnen, die Kinder auf der Straße, die Bauern vom Lande, die Stauer am Hafen, die Soldaten. Allein auch diejenigen, die ihren Anstoß nehmen an seinen ärgerlichen Tollheiten – bejahrte Edelleute, strenge Geistliche, ernsthafte Handelsherren und tüchtige Matronen und selbst der Statthalter Poorten –, auch sie finden zu eigenem Erstaunen, daß sie ihn nicht verdammen können ohne eine unerklärliche Beschwernis des Gewissens. Und noch lange Jahre nach seinem Tode haben ruhige alte Männer in plötzlicher Heftigkeit gerufen: »Der Herzog von Croy, ja, das war einer! Solch einem Manne werden wir nicht wieder begegnen!« Schon bei Lebzeiten indessen ist er zur Sage geworden.

Nicht lange nach Weihnachten begannen die Fastnachtslustbarkeiten, die dem Herzog recht behagten. Der Feind war weit und der König siegreich, so behagten sie der ganzen Stadt. Die Fastenzeit kam, mit der nahm es der Herzog nicht genau. Allein auch darum tadelte ihn niemand. Selbst der Superintendent spürte eine Neigung, ihn zu entschuldigen, und sagte zu seinem Adjunkt: »Er weiß das nicht besser; nun, er ist eben ein Papist, man darf es ihm nicht zur Last legen.« Und dabei war es dem Superintendenten doch wohlbekannt, daß die Römischen die Fasten strenger zu halten pflegen als die Lutheraner von Reval.

In der Fastenzeit begegnete einer der Statthalterschaftsbeamten auf der Straße dem Ältermann Sturm von der Großen Gilde, mit welchem er gut bekannt war. Sie gingen ein paar Schritte miteinander, indem sie von allerhand Neuigkeiten plauderten. Und so erzählte der Sekretär auch von einem königlichen Befehl, demzufolge die Gefangenen mit Wiedereröffnung der Schiffahrt nach Stockholm überführt werden sollten.

»Der Herzog auch?« fragte Sturm heftig. Der Sekretär bestätigte.

Sturm, kein unguter Mann, aber auf seine Geschäfte bedacht, wie das ein Handelsherr ja sein muß, gehörte zu den Hauptgläubigern des Herzogs. Er verabschiedete sich von dem Sekretär, eilte in sein Kontor und lud durch ausgesandte Boten Croys Gläubiger auf den Abend zu einer Ratschlagung in das Haus der Großen Gilde.

Da saßen sie nun, patrizische Großkaufleute und berufsmäßige Geldleiher, wohlhabende und geringe Handwerker, Gastwirte und Krämer, und die kleinen Leute fanden sich wichtig und geehrt, daß sie in der Gildstube am gleichen Tisch, beim gleichen Bier und gleichen Wachskerzenschein und in den gleichen Nöten sitzen und ratschlagen durften mit Angehörigen der großen Stadtgeschlechter, mit Schwarzhäupterbrüdern und Ratsherren. Sie redeten ernsthaft, aufgeregt und besorgt.

Sturm selbst eröffnete die Sitzung mit dem Bekanntgeben ihres Anlasses, der freilich den meisten nicht mehr fremd war. Danach sprach er auf eine kluge und eindringliche Art von Nutzen und Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Verhaltens und bat die Anwesenden, ihre Forderungen an den Herzog mitzuteilen. Es gab nun ein jeder das Seinige an, einer brachte die Ziffern zu Papier, und so hatte sich etwas hergestellt wie eine Vereinigung der Herzogsgläubiger. Es wurde addiert und gerechnet, wobei allerlei Kopfschütteln und Verwunderung entstand; endlich ergab es sich, daß der monatliche Gefangenensold den Zinsendienst für die ausstehenden Summen mit Bequemlichkeit sicherte. Auf eine Rückgabe der Kapitalien ließ sich während der Kriegsdauer ohnehin keine Rechnung machen, dies wußte jeder – aber des Teufels hätten sie ja sein müssen, den Stockholmern ihre Zinsen zu schenken! Nein, ihren Herzog wollten sie sich nicht fortführen lassen, die anderen mochten nach Stockholm gebracht werden! Einmal mußte der Krieg zu Ende gehen, dann würden der Zar und der polnische König ihren Heerführer auslösen; war erst der Geld- und Handelsverkehr auf der Ostsee und auf dem Landwege durch Polen wieder frei, so konnte es überdies nicht schwierig sein, aus den reichen pikardischen, flandrischen, westfälischen Besitzungen der herzoglichen Familie die gestundeten Summen mit Zins und Zinseszins zu erhalten; denn von des Herzogs Zerfall mit den Seinen hatte man in Reval keine Kenntnis. Ließ man es aber zu, daß Croy nach Stockholm gebracht wurde, so waren nicht nur die laufenden Zinsen verloren, nein, man verlor ihn selber, verlor ihn aus Umgang und Augenmerk, und wie leicht konnte es nach Endigung des Krieges geschehen, daß die Stockholmer Geldleute einem den Rang abliefen! Die Versammelten erwärmten, erhitzten sich, es fielen scharfe Worte über Stockholm und die Schweden und sogar über den kriegstollen König selber, der allen Handel störte, alle Steuern verschärfte und den Männern jetzt noch ihren Herzog fortnehmen wollte!

So wurde beschlossen, sich der Wegführung Croys entgegenzustellen. Ja, die Ratschlagung endigte mit einer Freundschaftskundgebung oder gleichsam Kreditwürdigkeitserklärung für den Herzog. Ältermann Sturm versprach, selber die nötigen Schritte zu tun. Die Beschlüsse waren gefaßt, die Männer blieben noch beim Bier zusammen in jenem erhöhten Herzenszustande, welcher von einmütigen Entschließungen bewirkt wird, da ein jeder sich an der Festigkeit des Nachbarn stärkt und entzündet. Die Tür ging auf, Croy kam herein, wie immer auf der Suche nach abendlicher Zechgenossenschaft, und winkte freudig mit der mächtigen roten Tatze. Sie begrüßten ihn lärmend, sie tranken ihm zu. Sturm geleitete ihn an den Ehrenplatz, und da saß er nun lachend unter den Gläubigern, traktierte sie für ihr eigenes Geld und schrie: »Ich bleibe in Reval! Lieber fahre ich zum Teufel als nach Stockholm! Mich bringt niemand fort!«

Tags darauf ging Sturm mit zwei andern Herren aufs Schloß. Der Statthalter Poorten, selber ein Revaler Patrizierssohn, versprach den Mitbürgern sein möglichstes. Seiner Mühe, der Geltung, in welcher er beim König stand, gelang es. Karl schrieb eigenhändig: »Behaltet den Säufer. Besser, er plündert Reval als meine Hauptstadt Stockholm.«

Die Schiffahrt ging auf, die Gefangenen stiegen an Bord. Croy stand am Hafen, rotbäckig, lachend, die Perücke zausig im Winde, und schwenkte Hut und Arme. Dann ging er pfeifend durch die Strandpforte in die Stadt.

Der Herzog blieb in seiner Gewohnheit des Lebens. Sein bärenstarker Bauernleib schien jedem Ansinnen standzuhalten. Seine Beliebtheit schien gesteigert, seit die Gefahr seiner Fortführung aufgetreten und bezwungen worden war. Die Leute hatten zu ihm eine Empfindung, als sei er der Preis eines verderbendrohenden, allein zuletzt mit harter Mühe siegreich bestandenen Kampfes. Aus allen Häusern wurde ihm zugewinkt, Bettler und Schmarotzer ließen ihn hochleben. Plötzliche Spielgewinne verstreute er freigebig. War dann ein gewandter Gläubiger in der Nähe, so konnte es diesem leicht gelingen, zu dem Seinigen zu kommen und zu den aufgelaufenen Zinsen überdies; denn die Zeit war bald vorbei, da der Gefangenensold zur Zinsdeckung gereicht hatte. Mitunter saß Croy im Schuldturm; hier gab er seinen Gläubigern eine Gasterei, von der noch lange in Reval gesprochen worden ist. Seine fünfundzwanzigste Pfändung feierte er durch ein Essen, welches er den Vollstreckungsbeamten des Rates gab. Nicht lange danach wurde er um die Kosten eben dieses Essens von einigen der Festteilnehmer zum sechsundzwanzigsten Male gepfändet. Hierüber hat er unmäßig gelacht.


Im zweiten Jahre seines Revaler Aufenthaltes scholl eines Nachts ein wildes Geläut durch das Strahlbornsche Haus, in welchem der Herzog seine Wohnung hatte. Hausinsassen und Dienerschaft fuhren aus dem Schlaf, dachten an Feuersbrunst, liefen treppauf und treppab, das rasende Läuten dauerte einige Augenblicke fort, plötzlich riß es ab; dies Verstummen war unheimlicher noch als der gellende Klang zuvor. Atemlose Menschen drangen in das Schlafzimmer des Herzogs, denn von hier war das Läuten gekommen.

Sie fanden ihn leblos in seinem Bett. Der breite Mund stand offen und war von Schaumbläschen überzogen; im Flackerschein der Kerze, welche in der Hand einer erschrockenen Magd bebte, schien er zu zucken. Die Augen quollen wild vor. Das Gesicht war dunkel und verzerrt, die Faust noch um den gestickten Griff des Klingelzuges geschlossen, der in Reichweite des Schläfers vom Betthimmel niederhing.

Ein Arzt wurde geholt, er forschte bedächtig und sprach dann von einer plötzlichen Gehirnblutung, deren Ursache nicht mit völliger Klarheit ausgemittelt, aber wohl zu des Herzogs Lebensgewohnheiten in Beziehung gesetzt werden könne. Allein schon vor dem Anlangen des bestätigenden Arztes hatten die Hausbewohner erkannt, daß diese sonderbare Seele sich von dem Leibe getrennt hatte, der ihr so ähnlich gewesen war. Sie schlossen dem toten Feldmarschall die Augen, sie öffneten das Fenster, sie sprachen ihr Vaterunser, jeder nach seiner Art, die einen mit Scheu und halblaut, die andern herzhaft und mit Zuversicht. Sie bedachten mit Ernst den jähen Zersprung dieses mächtigen Lebens, und sie ahnten nicht, daß dem, der so riesenhaft und unbewegt vor ihnen lag, die größten Seltsamkeiten seines Schicksals noch aufgespart waren.

Niemand weiß, ob Gott den Tod leicht oder schwer will. Dies indessen meinen wir sagen zu können, daß er dem Herzog von Croy kein arges Sterben zugemessen hat; denn er starb ja mitten aus der Art und Fröhlichkeit seines Lebens hinaus. Hieran hat sich mancher erinnert, als später die grausame Zeit anhob; als der König in der Türkei verschollen war und alles Land um Reval von den Russen verwüstet wurde; als die eingeschlossene, die bombardierte Stadt im Hunger lag und die Pest von zehn Menschen immer neun fortnahm. Da starb niemand an Fröhlichkeit. Da konnte es wohl heißen: »Der Herzog ist zur besten Stunde hinübergegangen.«


Am Morgen lief die Todesnachricht durch die Stadt. Sie beherrschte Markt und Barbierstuben, Schenken und Herbergen, Kanzleien, Kontore und Bürgerhäuser. Sie übte stärkere Wirkung, als es sonst wohl die Kunde vom Fallissement eines großen Handelshauses oder vom Untergang eines beladenen Schiffsgeschwaders vermochte. Hier schien ein städtisches Wahrzeichen gefallen, ein Gemeinbesitz allen Lebens zerstört. Und wer hätte denken dürfen, dieser noch junge Riesenleib könne einer plötzlichen Auflösung vorbestimmt sein?

Auf den Abend fanden sich die Gläubiger auf der Gildstube ein. Es waren ihrer fast dreimal so viele wie bei jener ersten Versammlung. Ältermann Sturm hieß sie willkommen, und auf sein Ansuchen erhoben sich alle von ihren Sitzen, um den Abgeschiedenen schweigsam zu ehren. Da standen sie nun, alle diese untadelhaften, auf Obsorge für Frauen und Nachkommen bedachten, dem Gemeinwesen nützlichen Männer, da standen sie mit schicklichen Trauermienen und erwiesen ihre Huldigung vor dem Andenken eines Säufers und Wildlings, der keine Frau hatte, keine Nachkommen und kein Gemeinwesen, der niemandem einen Nutzen gebracht und ihrer aller Geld vertan hatte. Sturm selber, der Verwunderung sonst wenig zugänglich, war nicht ohne Gefühl für die düstere Schnurrigkeit des Vorganges und hatte Mühe, ein Lächeln zu verheimlichen.

Nun begann die Ratschlagung, in welcher Schrecken und Besorgnisse laut wurden. Wieder wurden Summen angegeben, Additionen und Zinsberechnungen vorgenommen. Das Ergebnis überstieg um ein Vielfaches einen Betrag, der zu seiner Zeit im gleichen Raume die Zusammengekommenen betroffen gemacht hatte.

Sturms Rede schien zunächst die allerärgsten Befürchtungen zerstreuen zu wollen. Die Soldzahlungen freilich fielen fort, doch konnte die Schuldenlast wenigstens nicht mehr wachsen. Die Forderungen blieben zu Recht, die Besitzungen des Herzogshauses hafteten weiterhin, unangerührt durch das Abscheiden des Feldmarschalls.

»Ein nachteiliger Umstand freilich will bedacht sein«, fuhr derÄltermannfort, »nämlich, daßwir nichtmehrwie bisher ein Pfand für unsere Ansprüche in Händen halten. Dieses Pfand war zu seinen Lebzeiten der selige Herzog selbst, und unsern Willen, es nicht aus den Händen zu lassen, haben wir damals selbst der Majestät gegenüber bekundet und durchgesetzt.« Sturm hielt inne. Diese Erinnerung an sein Einwirken auf den Statthalter Poorten, für das man ihm immer noch Dank wußte, sicherte seinem weiteren Vorbringen ein beifälliges Gehör. Er fuhr fort: »Die Herren und Brüder wollen aber erwägen, daß der Herzog mit seinem beklagten Abscheiden nicht notwendig aufgehört zu haben braucht, uns ein bürgendes Unterpfand zu sein. Zum Nutzen aller Versammelten und ihrer Familien habe ich mir in Ansehung der sonderbaren Umstände an rechtsgelehrter Stelle Rat geholt. Mein Vorschlag geht also dahin –« und hier hob er die Stimme –, »den Leichnam des Herzogs als unser haftendes Pfand anzusehen und in festen Händen zu behalten.«

Hierauf entfaltete er ein Blatt Papier und verlas allerlei altertümliche Sentenzen lübischen Rechts und revalschen Brauches samt Beispielen, wie zu früheren Zeiten in ähnlichen Fällen prozediert worden war, und auch ein Gutachten seines Rechtsfreundes. Aus all diesem ging unzweifelhaft hervor, daß der alte Rechtsbrauch, auf welchen der Ältermann sich berief, zwar außer Übung geraten, niemals indessen durch eine Verordnung außer Kraft gesetzt worden war. Ja, es fand sich sogar eine neuere Bestimmung, nach welcher in Fällen ungewöhnlich hoher Verschuldung vor den Leichenfeierlichkeiten das Einverständnis der Gläubiger beizubringen war, damit nicht das Geld für Seelenschmäuse und Totenprunk, für Ankauf oder Errichtung von Kapellen, Grabdenkmälern und Epitaphen seinen rechtmäßigen Ansprechern entzogen werde. Den Leichnam, so endigte Sturm seine Worte, unbestattet und aller kirchlichen Totenehren bar zu erhalten, dies sei die allersicherste Gewähr dafür, daß der Zar, der polnische König, das Geschlecht der Herzöge von Croy nach geschehenem Friedensschluß Eile haben würde, sämtliche Schulden zu berichtigen, um dem Feldmarschall auf eine standesmäßige Art in geweihte Erde zu verhelfen.

Die Versammelten hörten dem Ältermann mit einhelliger Aufmerksamkeit zu. Er hatte die Geschicklichkeit gebraucht, seine Rede in die Länge zu ziehen; hierdurch nämlich war einem jeden Zeit gewährt, sich an einen befremdenden Gedanken zu gewöhnen, bevor er sich über ihn äußern konnte. Und obwohl der Ältermann anfangs, um einen bereitwilligen Gemütszustand zu finden, mit recht viel Zuversicht von den Aussichten einer künftigen Schuldenbegleichung gesprochen hatte, so hatte er zuletzt in seinen Hörern diese Zuversicht wieder abgeschwächt oder ihnen doch zu begreifen gegeben, daß eine solche Hoffnung nur dann in ihrem Rechte sei, wenn sie sich auf ein Pfand wie das vorgeschlagene zu stützen vermöge.

Dies empfanden viele, daß dem von Sturm heraufgeholten Rechte bei aller Billigkeit etwas Unmenschliches innewohne. Als aber jemand das aussprach, da rief ein Weinhändler: »Besser, ein toter Herzog wartet eine Weile auf sein Grab, als daß meine lebenden Kinder in Ewigkeit auf ihr elterliches Erbe warten.«

Und ähnlicher Ausrufe wurde noch eine ganze Reihe gehört. Einer meinte, der Herzog selber wäre der letzte, der sich diesem Vorschlag widersetzt hätte. Was fragte der nach Grab und Leichensermon! Und nun riefen sie alle durcheinander, wie sie damals gerufen hatten, als sie ihn nicht nach Stockholm lassen wollten: »Wir geben ihn nicht heraus! Wir halten den Toten in Schuldknechtschaft! Unser Herzog darf nicht unter die Erde! Wir lassen uns den Herzog nicht nehmen!« Es war sonderbar, welch eine halbverhohlene Wärme bei allem Starrsinn aus diesen Worten zutage trat. Da war nicht nur die Rede von einem wertvollen Pfande, das aus Händen zu geben man nicht gewillt war; nein, da wurde gesprochen wie von einem nahen Menschen oder einem ans Herz gewachsenen, ob auch auf gemeine Art nicht nutzbaren Besitztum, das man sich nicht entreißen läßt. Ja, sie hatten ihn alle gern gehabt, er hatte ein Bestandstück ihres Lebens ausgemacht und des Lebens ihrer Stadt. Wären die Schulden nicht gewesen, ein jeder hätte sich willig finden lassen zu einer Kollekte, und sie hätten ihm auf gemeine Kosten ein Prunkbegräbnis geschafft, wie die Domkirche kein stattlicheres kannte, aus reiner Freundschaft und Herzlichkeit!

Zuletzt ermächtigte die Versammlung einstimmig den Ältermann Sturm, die notwendigen Rücksprachen mit Rat, Statthalterschaft und Geistlichkeit zu nehmen und dem Einspruch des Gläubigerzusammenschlusses Gehör zu sichern. Dies alles bewirkte eine neue und große Einmütigkeit, nachdem es seit jener ersten Eintracht allerlei Eifersucht und Feindseligkeiten gegeben hatte; denn dieser und jener hatte immer wieder versucht, Zahlungen auf Kosten der übrigen zu erhalten, auch waren ja insbesondere die kleineren Leute schwer in der Lage, ihr Geld auf sehr lange Frist ausstehen zu lassen. Jetzt aber teilte der Ältermann mit, die Hinterlassenschaft des Herzogs an Kleidungsstükken und Wertgegenständen sei auf Anordnung des Rates bereits in den Morgenstunden beschlagnahmt worden, und augenblicks einigten sich die Versammelten, den Bedürftigsten unter ihnen einen bevorrechteten Anspruch auf diese Habseligkeiten zuzuerkennen. In solcher Einträchtigkeit blieben sie noch lange beisammen und tranken auf das Andenken des Verblichenen. Manche kamen mit schweren Räuschen nach Hause.


Am nächsten Tage schon begann Ältermann Sturm seine Unterhandlungen mit den Behörden. Es zeigte sich, daß man auch in den Amtsstuben sich bereits die Frage gestellt hatte, was mit dem toten Herzog zu beginnen sei.

Wir müssen uns daran erinnern, daß jene Zeiten, was das Bestatten angeht, andere Gedanken und Bräuche hatten als die unseren. Zunächst wurde ihm eine größere Wichtigkeit zuerkannt und eine größere Würde. Darum war es nicht ausdenkbar ohne einen angemessenen Prunk, welcher wieder ohne große Geldaufwendungen nicht abging. Es wurden nur gemeine und undeutsche Leute vor der Stadt in die Erde gebracht, alle anderen aber in den Kirchen »gesenkt«, das heißt in einer ausgemauerten Grabhöhlung unter dem Fußboden geborgen, ohne daß diese Höhlung mit Erde gefüllt worden wäre; so waren denn auch die Worte »beerdigen« oder »begraben« damals noch kaum im Gebrauch. Wer von Namen und Stand war, der wurde in einer mit hohen Kosten eigens erbauten oder doch erkauften Kapelle gesenkt, und es wurden Leichenstein und Epitaph errichtet. So hielten es aber nicht nur die ansässigen Geschlechter, sondern auch ein Fremder von Rang, der in Reval weder Familie noch Erbgruft hatte, konnte unmöglich auf eine andere Art beigesetzt werden. In dieser Weise hätte denn auch mit dem toten Herzog verfahren werden müssen, und die Behörden befanden sich mithin in einiger Verlegenheit. Ihn vor der Stadt zu verscharren wie einen undeutschen Knecht, das ging nicht an. Ihn mit standesmäßigen Ehren zur Ruhe zu bringen, dies war unmöglich, denn wer hätte für die Kosten aufkommen sollen? Der Statthalter Poorten wußte, daß er seines Königs äußersten Unwillen erregen würde, wenn er sich einfallen ließe, fiskalische Mittel auszukehren, ja, daß der König ihn mit seinem eigenen Vermögen haftbar machen würde.

In solchem Zwiespalt war Sturms Einspruch und Vorschlag willkommen, zumal er sich namens der Gläubiger erbot, wenigstens für die Einsargung und für eine vorläufige Aufbewahrung des Leichnams Sorge zu tragen. Seinen rechtsgelehrten Argumenten konnte man sich nicht verschließen, auch waren Statthalterschaft, Rat und Garnisonskommando der Meinung, daß vor einer endgültigen Bestattung erst Weisungen der herzoglichen Familie abgewartet werden müßten, welche zur Zeit, des Krieges halber, ja nicht zu erlangen waren. Einzig die Geistlichkeit brachte ernsthafte Einwendungen vor. Auch diese indessen verstummten, als Ältermann Sturm mit höflichem Spott fragte, ob die Pastorenschaft geneigt sei, aus ihren Mitteln die Kosten eines standeswürdigen Begräbnisses zu bestreiten – von den Schulden wolle er nicht reden.

Nun wurde über den Ort der Leichenaufbewahrung beraten, und die Entscheidung fiel auf St. Nikolai, in welcher Kirche eine ansehnliche Kapelle leerstand und gegen eine geringe Gebühr zu Diensten gestellt werden konnte. Auch meinte einer der Ratsherrn mit einem kleinen Lächeln, St. Nikolai schicke sich vor allen anderen Revaler Kirchen, denn es finde sich ja hier noch aus den alten katholischen Zeiten unter anderen berühmten Malereien jenes Bild, das St. Nikolaus als Fürbitter um die Freilassung gefangener Kriegsleute zeige.

So wurde der Herzog in einen wohlfeilen Fichtenholzsarg getan und in diesem ohne Teilnahme eines Geistlichen, jedoch von Sturm und zahlreichen anderen Männern begleitet, aus dem Sterbehause in die Nikolaikirche getragen. Als die Träger ihn in der Rosenkapelle abgesetzt hatten, sprach der Ältermann ein Vaterunser, und hierauf begaben sich alle in die Gildstube zu einem Gedächtnisessen, an welchem der Herzog recht seine Lust gehabt hätte.

Auch in der Folgezeit haben Zusammenkünfte und Besprechungen sich als nötig erwiesen, und es kann gleich an diesem Orte gesagt werden, daß der Gläubigerverein manches Gute wirkte, indem hier Angehörige der verschiedenen Stände, die sich sonst voneinander gesondert hielten, auf eine unbefangene, ja, freundschaftliche Weise zusammenkamen. Jeder einzelne zahlte einen Beitrag, welcher errechnet wurde im Verhältnis zur Höhe seiner Forderung. Hiervon wurden die Unkosten der Sitzungen bestritten, die Kerzenbeleuchtung, die Bewirtung und die Gebühr, welche der Gilde entrichtet werden mußte, dazu die Abgabe an die Kirchenkasse von St. Nikolai für das dem Herzog gewährte Gastrecht. Und auch wenn späterhin Auskünfte von Rechtsgelehrten eingeholt oder allerlei Schreibereien gemacht werden mußten, so wurde das Geld dazu dieser Kasse entnommen. Ja, im Verlauf der Zeit bürgerte sich sogar die Sitte ein, daß der Gläubigerbund gleich anderen Körperschaften eigene Fastnachtsschmäuse ausrichtete, die viel Zuspruch, Ansehen und Beliebtheit hatten.

Aus solchen Umständen, die ja alle auf Unflüchtigkeit und Dauer hinweisen, läßt sich schon absehen, daß die Angelegenheit der Schuldenbegleichung keinen geschwinden Fortgang nahm. Der getroffenen Abrede zuwider versuchten ein paar Gläubiger, ohne die anderen in Kenntnis zu setzen, ihr Glück auf eigene Faust, indem sie durch Vermittlung eines hohen Landesbeamten an den König ein Bittgesuch richteten, in welchem von der Not der revalschen Kaufmannschaft und von der Nötigkeit eines christlichen Begräbnisses für den Herzog die Rede war. Karl antwortete nicht, sie schickten einen zweiten Brief; endlich schrieb er aus dem Feldlager: »Die Herren von Reval tun besser, mich unbefragt zu lassen. Bestünden sie auf einer Antwort, so müßte ich ihnen sagen: Werft das Schwein auf den Schindanger.« Die Empfänger dieses Reskripts suchten die Sache geheimzuhalten, dennoch gelangte sie zu Sturms Kenntnis. Die Eigenmächtigen wurden aus der Vereinigung ausgeschlossen und durften nun nicht mehr an deren Fastnachtsschmäusen teilnehmen.


Nicht im Gedächtnis, wohl aber in den Alltagsgedanken der Revalenser wurde die Croysche Angelegenheit von der Zeit ein wenig zurückgeschoben; dann aber geschah etwas, das ihr mit einem Schlage ein erregtes Aufmerken der Menschen wieder zuwandte.

Einige Jahre nämlich nach des Herzogs Ableben, während König Karl in Polen focht und in Polen unterhandelte und während Zar Peter mit einer abenteuerlichen Stadtgründung beschäftigt war, trieb sich in Reval ein abgeheuerter finnischer Matrose herum, ein roher und dumpfer Mann lappischen Stammes. Dieser hörte reden, es liege in St. Nikolai ein Herzog im hölzernen Sarge, unversenkt, in der östlich angebauten Kapelle, zu welcher man aus der Vorhalle der Kirche gelange. Der Matrose ging am nächsten Sonntag zum Gottesdienst und hörte geduldig die zweistündige deutsche Predigt an, von welcher er kein Wort verstand. Er hatte nie einen Herzog erblickt, aber wohl gehört, er müßte etwas sein wie ein König, und so dachte er denn in einer verworrenen Gier an eine goldene Krone, Fingerringe mit klaren Steinen, auch Szepter und Reichsapfel von Gold; dergleichen hatte er auf Kirchenbildern gesehen.

Der Lappe war früh gekommen und nach Endigung des Gottesdienstes erst spät gegangen. Beim Kommen, beim Gehen war er aufmerksam umhergeschlendert, um sich die Gelegenheit zu betrachten. Da war an Wänden und Pfeilern viel Blankes, Buntes und Kostbares ihm in die Augen gefallen, Bilder über Bilder, und auch die Malereien des Totentanzes, auf denen Kaiser und Kaiserin, König und Kirchenfürsten in reichem Goldschmuck zwischen grinsenden, musizierenden, sargtragenden Gerippen zur Schau standen. Und dies Beieinander von Tod und Schätzen schien geschaffen, alle seine Gedanken und Hoffnungen zu bestätigen. Zur Nachmittagspredigt kehrte er wieder, ergänzte seine Kenntnisse der Örtlichkeit und kam zu der Einsicht, daß seinem Vorhaben wenig im Wege stand. Denn es war ein Seitenpförtchen, das nicht verschlossen, sondern nur von innen mit einem Riegel versperrt wurde; durch dies dachte er die Kirche ungesehen zu verlassen, wenn er seine Absicht vollendet haben werde.

Am nächsten Sonntag saß er im Nachmittagsgottesdienst bescheidentlich auf einer der abseitigen Bänke, in seinem weitfallenden Wettermantel, unter dem er eine Blendlampe, ein Schiffsmesser und ein Stemmeisen trug.

Die Gemeinde verlief sich, die Kerzen wurden gelöscht. Der Lappe verbarg sich im Chorgestühl. Die hohen eckigen Pfeiler erschienen wie Riesenbäume zur Dämmerzeit. Der letzte Schritt verließ hallend die Kirche. Schlüssel rasselten und schnappten. Es wurde dämmeriger, es wurde dunkel, bald ließen die Fensterausschnitte sich nicht mehr unterscheiden. Der Lappe entzündete die Blendlaterne und durchquerte die Kirche. Bis jetzt war das Dunkel gleichmäßig gewesen, nicht anders als unter den Lidern eines Menschen, der die Augen geschlossen hält. Nun aber sprangen bei jedem seiner Schritte abenteuerlich verzerrte Schatten gierig auf ihn zu. Die Bilder der Vergänglichkeit, die er wahrgenommen hatte, die lange Wartezeit in der hochgewölbten einsamen Kirche, das alles mag ihn vorgestimmt haben auf manche Schauder, die nun eine Gewalt über ihn erlangten. Er kam an die Kapelle und überkletterte die Zierwand. Sein Mantel verfing sich im Schnitzwerk, er riß sich frei und gelangte hinüber, aber das Grauen griff ihm ans Herz, noch ehe er den Sarg erreicht hatte. Leute, die in den Abendstunden dieses Tages an der Nikolaikirche vorübergekommen sind, erklärten nachher, ein Geschrei des Entsetzens vernommen zu haben. Man fand in der Rosenkapelle einen Mantelfetzen und ein Stemmeisen. Mehrtägige Nachsuchungen ergaben, daß beide Gegenstände dem Lappen gehört haben mußten. Man forschte nach ihm bei seinen Herbergsleuten und in den Kreisen seines Umganges, doch wurde man seiner nicht habhaft; es hieß, er habe anderen Morgens die Stadt verlassen, und es wollte jemand bemerkt haben, sein Haar sei über Nacht weiß geworden.

Allein ein größeres Gewicht als die versuchte Untat dieses Matrosen hatte die Wahrnehmung, welche der Küster folgenden Tages vor dem erbrochenen, doch unberaubten Sarge des Herzogs gemacht hatte. Er meldete sie bestürzt dem Pastor und dem Ältermann Sturm. Nach wenigen Stunden bereits drängten sich die Menschen in der Kapelle. Und was sie hier sahen, das ließ sie begreifen, wie den Einbrecher das Entsetzen überfallen hatte. Er hatte den Sarg wohl geöffnet, der Deckel lag schräg daneben; allein dann war er geflohen, ohne den Toten angerührt zu haben, ja, ohne sein Werkzeug mitzunehmen.

Denn dieser Tote schien nicht tot. Fünf Jahre lag er in einem einfachen Holzsarge ohne metallene Hülse, in luftdurchlässigem, unverpichtem und unverlötetem Behältnis. Aber kein Gesetz der Vergänglichkeit und Verwesung hatte Gewalt über ihn zu üben vermocht. Hier lag in Reiterstiefeln, Generalsrock und Schärpe, den Degen zur Seite, ein Schläfer, in nichts unterschieden von jenem Manne, den sie alle in seinem Wachen gekannt hatten. Nur der behutsam das Schläfergesicht anrührende Finger fühlte das lebendige Fleisch zu steinerner Härte getrocknet.

Die Männer hatten ihn bei Lebzeiten gesehen und in den ersten Tagen nach seinem Ende, bis der Sarg geschlossen wurde. Damals war das Gesicht des Toten von einem maßlosen Schrecken verzerrt gewesen. Nun aber hatte diese Entsetzensmiene sich, grauenhaft anzusehen, zu einem Lächeln umgebildet. Behaglich, etwas verwundert, ein klein wenig spöttisch und sehr überlegen, so blickte dies Gesicht mit den geschlossenen Augen die Männer an. Ja, es war, als sei nun erst wieder das bisher von grober Leiblichkeit überhüllt gewesene herzogliche Geblüt zum Vorschein gekommen. Und sein Lächeln schien zu besagen: »Macht mit mir, was ihr wollt und was euch freut – mich kümmert es nicht mehr.«

Beim schmalen Schein des Blendlämpchens, im schaurigen Düster des mächtigen Kapellengewölbes hatte wohl ein Grausen ausgehen können von der Lebendigkeit dieses Gesichts. Jetzt, im reinlichen Tageslicht, sahen die Versammelten in die vertrauten Züge, und sie empfanden nichts als eine sonderbare Beschämung, die ihnen selber unerklärlich verblieb.

In Scharen kamen von nun an die Menschen, um das Wunder der Unverweslichkeit am Körper des Herzogs zu bestaunen. Es kamen die Edelleute vom Domberg, es kam der Statthalter Poorten mit seiner Frau, es kamen die Kaufherren und Handwerker, die Geistlichen aller Kirchen, die Offiziere und Soldaten, die Seeleute und die Bauern, es kamen Weiber und Kinder. Der Küster und der Kirchenkerl hatten keine Ruhe; es fielen ihnen Trinkgelder zu, größere und geringere; endlich erhoben sie von jedem Beschauer eine feste Gebühr für den Zutritt zur Kapelle.

Gelehrte und Ärzte untersuchten den Leichnam. Ihrer manche äußerten sich dahin, es müßten im Baugestein gewisse salpetrige Einflüsse ihre Wirksamkeit üben; in derlei Fällen könne es geschehen, daß menschliche und tierische Körper sich unverweslich erhielten. Solche Erklärungen aber nahmen die Leute von Reval nicht an. Sie hatten ihren Herzog gekannt, was brauchte es langer Erörterungen über Salpeter und Baugestein? Was den Herzog vor aller Verwesung schützte, das waren die ungeheuerlichen Mengen geistiger Flüssigkeiten, die durch diesen Leib gegangen waren und ihre Rückstände abgelagert hatten. Ein Wunder hatte sich begeben, Wasser des Lebens hatte des Todes zerstörende Kraft zunichte gemacht, hier lag reliquiengleich ein Schutzheiliger aller Trinker!

Von weit her kommen die estnischen Bauern, um ihn zu sehen. Sie drücken die Fellmützen scheu gegen die Brust, sie murmeln ein Vaterunser, wenn sie vor der Leiche stehen. Bei aller Grobheit kann der Küster es nicht hindern, daß manche niederknien und dem Herzog Stiefel oder Rockschoß küssen; wem es aber gelungen ist, Hand oder Gesicht des Toten mit seinen Lippen zu berühren, der meint einen rechten Segen mit heimzubringen. Das ist ja der Fürst gewesen, der nicht nur mit den großen Herren zur Tafel saß. Nein, er hatte mit dem gemeinen Manne getrunken und ihm eingeschenkt, soviel das Herz verlangte. Und sie mengen ihn wunderlich in ihre Sagen von alten Helden und Riesen, vom starken Kalew und seinem Sohn und von dem gewaltigen Zauberer Lagadis, der in vormaligen Zeiten des schwedischen Königs Feldherr war. Sie erzählen von dem guten Riesen, der das Weltmeer austrinken konnte und einmal wiederkehren wird zu den Esten, um jedem armen Manne Branntwein, Ackerland und Gerechtigkeit zu geben, bis er selber ruft: »Genug!«


Binnen kurzem ersah der Gläubigerbund seinen Vorteil; es war nicht notwendig, daß Küster und Kirchenkerl sich reich machten. Zuerst wurde ein Abkommen getroffen, nach welchem die taxmäßigen Gebühren für die Aufbewahrung der Leiche, wie sie der Kirchenkasse zustanden, von den Eintrittsgeldern bestritten werden sollten. Die Einnahmen wuchsen, Ältermann Sturm griff zu, und endlich kam es dahin, daß dem Gläubigerbündnis nach Abzug der Aufbewahrungskosten und einer Vergütung für den Küster und den Kirchenkerl noch ein reichlicher Überschuß blieb, so daß es zur Deckung der laufenden Ausgaben nicht mehr auf die Beiträge seiner Mitglieder angewiesen war. Ja, es soll des öfteren imstande gewesen sein, kleine Abschlagszahlungen auf die ausstehenden Zinsen auszuschütten. Und so hatte denn der Herzog endlich zu zahlen begonnen.

Er zahlte nicht lange, denn es fiel die arge Zeit ein, die Zeit des Hungers, der Pest, der russischen Belagerung. Niemand kam in die Stadt; die Städter aber hatten andere Gedanken, denn ein allgemeiner Untergang schien sich anzukündigen.

Die Pest veränderte alle Zustände auf Jahre hinaus. Häuser standen leer, Straßen verödeten, Familien starben aus, Menschen kamen in Bettelhaftigkeit. Dokumente gingen verloren, aus allen Rechtsverhältnissen schwand die Übersichtlichkeit. Viele von denen, die sich der Bestattung des Herzogs widersetzt hatten, sind damals gestorben und ohne rechtes Grab geblieben. Zu Haufen warf man die Toten in große Gruben und beschüttete sie mit Kalk, und so wurde auch mit dem Leichnam des Ältermanns Sturm verfahren.

In solchen Bewandtnissen ist Reval eine russisch-kaiserliche Stadt geworden, und da nun nach aller Zerstörung eine neue Lebendigkeit allmählich sich herstellen wollte, war es den verarmten Revalensern bitter um Geld zu tun. Überlebende und Erben der Gestorbenen fanden sich in Sachen der Croyschen Schulden zusammen. Viele waren es nicht mehr; mancher konnte den Anspruch durch keine Urkunde mehr erhärten. Einige hatten ihre Forderungen in der Hungerszeit zediert, manche Zessionen waren um Spottpreise aufgekauft worden. Die jetzt miteinander in der Gildstube ratschlagten, das war nicht mehr die alte fröhliche Genossenschaft, die sich lachend von ihres toten Herzogs Trinkertaten erzählt hatte. Das waren arm und ernst gewordene Männer, die sachdienlich miteinander verhandelten und sich eilig auf den Heimweg machten, sobald ein Beschluß gefaßt war.

Kraft eines solchen Beschlusses wurde nun getan, was die kriegerischen Läufte bisher nicht zugelassen hatten. Es wurde ein Brief gesandt an das derzeitige Haupt des herzoglichen Hauses Croy und in aller Devotion der Anno 1702 geschehene Tod des Feldmarschalls mitgeteilt und beklagt. Des ferneren wurde um Anweisungen in betreff der Bestattung ersucht und zuletzt gebeten, die von dem seligen Herzog in Reval kontrahierten Schulden begleichen zu wollen. Diesem Brief lagen allerlei Schriftstücke bei, eine beglaubigte Kopie des Sterbescheins, ein Verzeichnis der Schulden samt Zinsberechnung, sowie gleichfalls beglaubigte Abschriften der Schuldscheine und Zessionsurkunden.

Es verlief eine lange Zeit, ohne daß eine Antwort einging. Das Ansuchen wurde wiederholt, der Ton der Briefe wurde dringlicher, ja, es blieb nicht unangedeutet, wie wenig eine vorläufige und ansehenslose Aufbahrung dem Range des Toten, dem Namen seines Geschlechtes angemessen sei. Allein auch solche Hinweise blieben ohne Wirkung.

Inzwischen hatten die Gläubiger sich bereits an ihren neuen Souverän gewandt, den Kaiser Peter I., denn als sein Heerführer war Croy gestorben – wie würde er dulden können, daß seine Untertanen zu Reval des Herzogs halber um das Ihrige kämen und der Herzog als kaiserlicher Feldmarschall um sein Grab?

Das Gesuch blieb unbeschieden. Die Gläubiger wiederholten es mündlich, als der Zar seine Stadt Reval besuchte und gutlaunig für jedermann zu sprechen war. Peter, seltenen Naturerscheinungen mit Lebhaftigkeit zugewandt, ließ sich an des Herzogs Leiche führen, betrachtete sie sehr aufmerksam und fuhr ihr mit der Hand über die immer noch vollen Backen. Dem Küster schenkte ereinen Silberrubel als Trinkgeld, zu den Gläubigern aber sagte er: »Der Herzog hat mir die Bataille von Narwa verloren und damit Geld genug gekostet.« Und da ja die Menschen der Selbstrechtfertigung zu bedürfen meinen, so kann es in der Tat sein, daß Peter sich gewöhnt hatte, im Herzog von Croy den Schuldigen an jener Niederlage zu erblicken, der er selber sich durch seine plötzliche Abreise entzogen hatte.

Ohne Hoffnung, nur um nichts zu unterlassen, wandte sich der Gläubigerverein an den Dresdner Hof. Dieser erwiderte unverzüglich namens des Königs und Kurfürsten Friedrich August, Croy habe eigenmächtig seinem Dienstverhältnis ein Ende gemacht und sich in die russische Armee einreihen lassen; es müsse daher den Revaler Gläubigern anheimgestellt werden, sich mit ihrem Anliegen an den Zaren als des Herzogs obersten Kriegsherrn zu wenden.

Über diesen Schreibereien langte endlich, kaum mehr erwartet, auf fortgesetztes Drängen hin auch eine Antwort des Hauses Croy an. Sie besagte bündig, die herzogliche Familie kenne seit längerem kein Glied ihres Geschlechtes mehr mit dem Namen Karl Eugenius.

Das Haus Croy hat zu einer solchen Antwort seine Ursachen gehabt, und sie mögen geachtet werden. Wir aber, die wir weder in den Diensten der Herzöge von Croy noch sonst irgendeines Menschen stehen, wir, die wir nicht zu Hütern der herzoglich Croyschen Reputation bestellt sind, sondern zu Sachwaltern aller Närrischkeiten und Absonderlichkeiten dieser geliebten Welt, wir dürfen uns wohl gestatten, eine späte Liebe dem Ausgestoßenen zuzuwenden, der da arglos war, wie ein Tier, ein Wind, eine Flußwelle oder ein wilder Apfelbaum arglos ist. Und so werden wir seiner gedenken als eines tapferen Soldaten, eines freigebigen Kameraden und eines bravoureusen Zechkumpans, kurz, als eines Mannes mit einem fröhlichen Herzen, das ja zuletzt nach Shakespeares Wort am längsten lebt.

Denn der Herzog von Croy hat sie auf seine Art alle überdauert, die Zeitgenossen und die Nachzeitgenossen. Der strenge, mäßige Krieger Karl, Feind der Frauen, des Trunks und des Spiels, der König und Kurfürst Friedrich August der Starke und der Zar Peter der Große, der Statthalter Poorten und alle die Verteidiger und Belagerer Revals, die Revaler Ratsherren, die Älterleute, Ältesten und Gildenbrüder, die Pastoren und Küster und Kirchenkerle von St. Nikolai, die Gläubiger und die Erben der Gläubiger, alle die tüchtigen, ehrenhaften, vielleicht gegen sich selber strengen Männer, und all die Glieder des Herzogsgeschlechts, die ihn als einen Verlorenen aus dem Gedächtnis des Hauses gelöscht haben, und deren Kinder und Enkelkinder: Sie alle starben und mußten unter die Erde, und ihre Leiber zerfielen. Und auch alle die, welche im Verfluß der Jahrzehnte mit Neugier oder Schauer vor der Mumie gestanden sind, auch sie starben und mußten unter die Erde, und ihre Leiber zerfielen. Aber Croy, der Säufer und Spieler, der Unnütze und Tunichtgut, er überdauerte sie alle.


Längst hat der Gläubigerverein sich aufgelöst, und wo noch ein Schuldschein sich findet, da wird er aufgehoben als eine wertlose Kuriosität. Längst ist der Herzog kein Unterpfand mehr, sondern nichts anderes als ein betrachtenswürdiger Gegenstand der Schaulust. Aber immer noch liegt er unverändert da, Jahrzehnt um Jahrzehnt, trocken und geschrumpft, doch auch noch in diesem Zustand seine aufgedunsene Körperbeschaffenheit beibehaltend und die freundliche Geringschätzung in seiner Miene.

Allen ist er ein Wohlvertrauter, ein Mitbürger, ein Gliedstück des selbstverständlichen Lebens, wie er es ihren Voreltern gewesen ist, als er noch leibhaft in den Revaler Schenken saß. Von einem Geistlichen, über dessen Predigten viele Erzählungen im Umgang waren, wurde behauptet, er habe auf der Kanzel ein Wort aus dem Prediger Salomo angeführt, nämlich »Die Lebendigen wissen, daß sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts, sie verdienen auch nichts mehr.« Und es hieß, er habe hinzugefügt: »Hier sehen wir, andächtige Zuhörer, daß Gottes Weisheit allüberall Ausnahmen zuläßet. Denn der tote Herzog von Croy verdient mehr als viele Lebende.«

Längst erhebt niemand mehr einen Anspruch auf die Besichtigungsgelder; die Einnahmen kommen der Kirche zugute und ihren Gemeindearmen. Dies fügt sich recht zu des Herzogs freigebiger Art. Aber daß einem Verarmten jede Unterstützung entzogen wird, weil er sich ihrer durch hartnäckige Trunksucht und ärgerlichen Wandel unwürdig gemacht habe, dies hätte nicht geschehen dürfen, denn gerade ihm hätte der Herzog gewiß am liebsten und reichlichsten gegeben.

Jeder Fremde, der nach Reval kommt, schreibt es in sein Reisejournal oder in einen Brief an die Seinigen daheim, er habe die Mumie des Duc de Croy besichtigt; ja, auch wer allem anderen Schaubesitz der Nikolaikirche, den Totentanzmalereien, den Jakobsbildern, den kostbaren Flügelaltären und dem reichen Schnitzwerk keinen Blick zuwenden mag, den seligen Herzog läßt er nicht unbesucht. Manchmal entsetzt sich eine Dame vor dem lebensähnlichen Leichnam in dem düsteren Totengewölbe, vor dem schwarzen Sargbehang und dem strengen Modergeruch und hastet schnell in den Sonnenschein und Lindenschatten des Kirchhofs, auf dem grünumkleidet noch die alten steinernen Grabmonumente stehen, mit den verschnörkelten und unleserlich gewordenen Schriftzügen. Neue freilich kommen nicht hinzu, das Jahrhundert des zwölften Karl und des großen Peter ist zu Ende, und die Obrigkeit leidet keine Beisetzungen mehr innerhalb der Stadtmauern. Aber es ist ein angenehmer Ort geworden zum Lustwandeln, und vornehmlich im Sommer, wenn sich die Buden und Verkaufsstände des Johannismarktes über den alten Gräbern von St. Nikolai erheben, dann drängt sich hier die elegante Welt, dann werden Hüte und Halstücher, Shawls und Handschuhe und Seidenstoffe betrachtet und beurteilt, Mädchen begegnen ihren Verehrern, Bekannte grüßen sich, alte Freunde, die sich ein Jahr lang nicht gesehen haben, finden herzhaft zueinander; denn es ist ja Johanniszeit, und von weit her ist in Kaleschen und Equipagen der Landadel aus allen vier Kreisen Estlands in der Hauptstadt zusammengeströmt zu Geschäften, Einkäufen und geselligen Lustbarkeiten. Kinder betteln um Süßigkeiten, vom Karussell und von den Schaukeln kommt Gekreisch, Invaliden drehen den Leierkasten, Ausrufer laden in ihre Schaubuden, und so hält das Leben getreuliche Nachbarschaft mit dem Tode. Der Küster und der Kirchenkerl haben gute Tage, wie sie alle ihre Vorgänger um Johanni gehabt haben und wie sie alle ihre Nachfolger haben, nachdem längst der grüne Friedhof verschwunden ist und nur noch die mächtigen vielästigen Linden des Platzes den Gottesacker der alten Jahrhunderte bezeichnen.

Freilich, der Küster kennt auch seine Schuldigkeit. Er sorgt für seinen Herzog, er hat Katzen in die Kapelle gesperrt, seit es sich zeigte, daß die herzogliche Garderobe einigen Schaden durch die Kirchenmäuse von St. Nikolai gelitten hat. Und er sorgt auch dafür, daß den Besuchern recht etwas geboten werde für ihr Geld, und so hat er es sich angelegen sein lassen, die herzogliche Gewandung auf einen besseren Stand zu bringen; hierzu bot eine vortreffliche Gelegenheit sich an.

Da nämlich der Staatsrat von Kotzebue Reval verließ, um zum Kummer der ganzen Provinz Estland in seine Vaterstadt Weimar zurückzukehren, da geriet das weitberühmte Theater, das er begründet, geleitet und mit immer neuen Schau- und Lustspielen versorgt hatte, in Auflösung, und es kam sein Fundus in Verkauf. Der Küster hat nicht viel Geld aufzuwenden gehabt, und der Herzog von Croy gelangte dennoch zu angemessener Kleidung. Nun trug er Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe, einen goldbordierten, grünsamtenen Justaucorps mit einem funkelnden Ordensstern, und in der rechten Hand hielt er einen silberbeschlagenen Marschallstab. Nur der Degen von Narwa war ihm belassen worden.

In der ersten Zeit nach dieser Einkleidung geschah es wohl, daß diese oder jene Theaterenthusiastin wehmütig den Kopf schüttelte, wenn sie den Herzog im grünsamtnen Justaucorps erblickte und dazu sagte: »Ach ja, der Chevalier Riccaut de la Marlinière! Wie prächtig hat seinerzeit bei der Liebhaberaufführung der junge Nottbeck dieser Rolle excelliert!«

Allmählich aber geriet die Herkunft des Justaucorps, des Ordenssternes und Marschallstabes in Vergessenheit, und die Besucher bestaunten von neuem die Dauerbarkeit, welche vom branntweingesättigten Körper des Herzogs sich auf seine Umhüllung übertragen hatte.

Der hundertundfünfzigste Jahrestag der Zugehörigkeit Revals zum russischen Reiche wurde begangen durch die Aufführung eines Festspieles, das ein jüngerer Oberlehrer von der Domschule gedichtet hatte. Das Gesetz erlaubte nicht, russische Herrscher auf die Bühne zu bringen, so fiel, neben dem Genius Rußlands, dem Fürsten Menschikow als dem Vertreter des Zaren Peter die Hauptrolle zu. Das Regiekomitee beriet lange über die Wahl eines Kostüms, das allen Erfordernissen geschichtlicher Echtheit zu entsprechen habe. Endlich wurde beschlossen, den grünen Justaucorps zum Vorbilde zu nehmen. Und der Küster, welcher seinem Schwiegervater im Amte gefolgt war und mit den herzoglichen Toilettengeheimnissen Bescheid wußte, sagte behaglich zu seiner Frau. »Vom Theater zum Theater! Das ist in seiner Ordnung und eine schöne Ehrung für uns alle: für den Herzog, für den seligen Staatsrat Kotzebue, für deinen Vater und für uns beide.«


Nicht sehr lange nach dieser Feier fiel ein unheimliches Geschehnis vor, das den Herzog von Croy abermals auf die Zungen der Leute brachte.

Fräulein Kitty Rutz, eine nicht mehr junge Musikfreundin, hatte sich die Erlaubnis ausgewirkt, zu einsamer Seelenbelustigung hin und wieder die Orgel der Nikolaikirche zu benutzen, und sie bevorzugte die jeder Träumerei förderlichen Stunden des späten, schon gegen den Abend sich streckenden Nachmittags. Da liebte sie es, dem Ausschwingen der Töne sich zu überlassen und der in der alten Kirche sich entfaltenden Dämmerung. Da blickte sie, des Spieles vergessend, vom Orgelchor nieder in das mählich sich verdüsternde Mittelschiff, darin wie dunkle Urweltstämme die schlanken Pfeiler in Ruhe standen, und auf das riesige, nun schwarz erscheinende Triumphkreuz, das hoch vor dem Chor in der ergrauenden Luft schwebte. Sie war die einzige lebende Seele in diesem Hause der Toten, der Vergangenheit und der Vergänglichkeit. Und in solcher Träumerei, die sich ihr verband mit der Erinnerung an allerlei Verse und Schilderungen aus den Werken der Dichter, meinte sie eine wehmütige und zugleich erhebende Ergänzung ihres stillen und eingeschränkten Lebens zu finden.

An einem dieser Spätnachmittage – es war im Herbst, und Dämmer und Dunkel waren frühzeitig eingefallen – hatte Fräulein Rutz längst die Hände sinken lassen und horchte in einem wohligen Frösteln auf den Sturm, der draußen um die Kirche schnob, und auf das Niederprasseln der gebrochenen Lindenäste, die Augen abwärts ins Mittelschiff gerichtet, hinein in Schatten und Dunkelheit des Todes. Plötzlich war ihr, als habe sie durch Sausen und Prasseln ein anderes Geräusch vernommen, ein Schlurfen, das in der menschenleeren Kirche vom Echo der Wölbungen verstärkt zurückerstattet wurde. Sie schrak auf, sie beugte sich vor, es kamen Schritte aus der Richtung der Eingangshalle. Kitty Rutz gewahrte ein einsam schwebendes Flämmchen, sein Schein zuckte hin über eine riesenhafte Gestalt, die Umrisse zerrannen in der Schwärze.

Dem Fräulein auf dem Orgelchor läuft es eisig über die Schulterblätter. Das bläuliche Licht des Flämmchens fällt auf den grünsamtenen Rock, der silberne Ordensstern blitzt, einmal schimmern die hellen Seidenstrümpfe. Und so kommt der Herzog von Croy mit ruckhaften ungeschmeidigen Bewegungen von der Vorhalle her und verschwindet hinter der Pfeilerreihe, welche das linke Seitenschiff vom Mittelschiff scheidet. Kitty Rutz will das Herz in der Haut sterben, und doch möchte sie sich versichern, sie habe sich getäuscht. Aber wenige Augenblicke danach erscheint der Herzog im Mittelschiff und durchquert es auf die gleiche Weise. Er verschwindet hinter den Pfeilern, die das Mittelschiff gegen das rechte Seitenschiff abgrenzen, und nun wird er gleich, von dem schwebenden Flämmchen geführt, im rechten Seitenschiff auftauchen. Allein das nimmt Fräulein Kitty Rutz nicht mehr wahr, sie hat hellauf geschrien, und das Bewußtsein ist ihr dahingeschwunden in eine große Schwärzlichkeit hinein.

Nur vor einem winzigen Winkelchen ihres Wesens scheint diese Schwärzlichkeit haltgemacht zu haben, und in diesem Winkelchen meint Fräulein Rutz zu spüren, daß allerlei Fürsorgliches mit ihr vorgenommen wird. Ja, in diesem Winkelchen ist Raum für die huschende Erinnerung an Gelesenes, für die vorgeschriebene Frage: »Wo bin ich?«, und die Frage findet eine tröstliche, eine sogar behagliche Antwort, da Fräulein Kittys erster Augenaufschlag ihr die geblümte Tapete der Küsterswohnung zeigt, die freundlich brennende Petroleumlampe, das schwarze Wachstuch des Roßhaarkanapees und das küsterliche Ehepaar, das um Kitty Rutz besorgt ist.

Die Küsterin redet ihr mütterlich zu, obwohl doch Fräulein Rutz um gute zwei Jahrzehnte älter ist, sie labt sie mit Baldriantropfen, Rosenlikör und heißem Kaffee, sie läuft nach Decken und Wärmkruken, und dazwischen preist sie Gott, daß alles gut vorübergegangen und dem Fräulein nichts ernstlich Schlimmes zugestoßen ist. Der Küster scheint ein wenig verlegen, aber in freundlichem Zureden und Obsorgen ist auch er geschäftig. Und so zwischen Grausen, Neugier und Behaglichkeit erfährt Fräulein Rutz den Hergang und verspricht eifrig, keiner Menschenseele etwas von dem Geschehenen offenbar zu machen und nun, da das Entsetzen hinter ihr liegt, nun ist sie sehr glücklich über ihre Teilhaberschaft an einem romantischen Geheimnis, denn das ist ja ein Schatz auf Lebenszeit.

Es ist alles sehr wunderbar und doch wieder sehr natürlich. Das Dach der Rosenkapelle ist ein wenig schadhaft geworden, und der hölzerne Sargdeckel ist es auch, und es ist ja die Zeit der großen herbstlichen Regenstürze; da hat denn auch der grünsamtene Justaucorps einige Feuchtigkeit abbekommen, und es ist doch seinerzeit allerhand Geld in die herzogliche Garderobe gesteckt worden, da muß man auf ihre Schonung und Erhaltung bedacht sein; gleichwie der Küster mit Hilfe seiner Frau ja auch auf Schonung und Erhaltung der eigenen Garderobe bedacht ist. So pflegt denn der Küster an regnerischen Abenden seinen Herzog aus dem Sarg zu nehmen und huckepack durch die Kirche zu tragen, damit der gute Kachelofen der Sakristei den zerstörlichen Wirkungen der Feuchtigkeit Einhalt tue, und den Holzgriff der kleinen Stocklaterne klemmt er sich unter die Achsel, da er ja die Hände nicht frei hat. Weil aber der Herzog von mächtiger Gestalt ist und der Küster ein kleines Männchen, darum hat Fräulein Rutz von der Höhe des Orgelchors aus wohl den riesigen Herzog, nicht aber den ihn tragenden Küster wahrgenommen.


Der Küster hat in der Folge zu schweigen gewußt, seine Frau desgleichen. Allein Fräulein Rutz konnte es nicht über sich gewinnen, hier und da nicht eine Andeutung fallenzulassen, ob auch nur eine kleine. So geschah es, daß nicht der eigentliche Vorgang bekannt wurde mit seiner unverfänglichen Erklärung, sondern daß halbverschleierte, sich umgestaltende und vergrößernde Einzelheiten in die Stadt drangen. Und Fräulein Kitty Rutz hat wohl auch nach menschlicher Weise die bei näherem Zusehen doch höchst alltägliche und der Würde ihres Erlebnisses wenig angemessene Aufklärung aus dem Gedächtnis verloren und sich lieber das schaurige Bild des wandelnden Herzogs vor Augen gerufen und das Schwanken und Zittern des bläulichen Flämmchens, das zwischen den Pfeilern gespenstig umherhuschte und wohl des Herzogs nicht zu ihrer Ruh gelangte Seele habe sinnbilden wollen.

Nun tauchten bald allerlei spukige Berichte auf. Da sollte Croy natürlich in der Nähe des Sterbehauses gesehen worden sein, unter den Kirchenlinden oder vor dem Süßen Loch, der jahrhundertealten Weinstube im Hause der Großen Gilde. Im Vollmondlicht, im späten, zögernden Morgendämmerder langen Winternächte, in den weißen Nächten des Hochsommers wollte dieser oder jener ihn wahrgenommen haben, auf der nach Katharinental führenden Allee, auf dem weiten stillen Schloßplatz des Domberges, auf dem hölzernen Hafenbollwerk, in den engen, krummen Gassen der Altstadt, in allerlei düsteren Gemäuerwinkeln der Befestigungen. Ja, ein Betrunkener, den man eines Morgens vor der Schmiedepforte auflas, behauptete noch lange nachher, er habe die Nacht mit dem großen Herzog in einer estnischen Bauernkneipe verzecht.

Einige Männer, welche der Meinung waren, es sei eine neue Zeit angebrochen, dem Aberglauben feind, nahmen an diesen Geschichten Anstoß; man tue, sagten sie, am besten, den Herzog endlich zu beerdigen. Die Sache kam auch im Rat zur Sprache; allein hier wurde sie einer Kommission überwiesen, und so hat man nicht mehr viel von ihr gehört. In der Stadt aber wurde erzählt, der Herzog dürfe deshalb nicht beerdigt werden, weil Doktor Barg, ein beliebter Sonderling, dessen Eigentümlichkeit es ist, zunächst in jedem Toten einen Scheintoten zu vermuten, seinen Einspruch erhoben habe.

Immerhin wurde der Küster vom Oberpastor zu St. Nikolai befragt. Er bequemte sich, das Verfahren zu schildern, das er zur Schonung des grünsamtenen Justaucorps anwandte, und nahm einen gutmütigen Verweis in Empfang. Um aber ähnliche Vorkommnisse in Zukunft auszuschließen, wurde nun eine Umquartierung des Generalfeldmarschalls verfügt. Der Sarg wurde aus der Rosenkapelle in die gegenüberliegende Kapelle der Familie Clodt von Jürgensburg geschafft. Hier gab es ein wetterfestes Dach, und überdies wurde der hölzerne Sargdeckel, der bisher bei jeder Besichtigung abgehoben worden war, durch einen unbeweglichen gläsernen ersetzt. Der Herzog von Croy aber ließ sich auch diese Neuerung mit seinem gleichmütigen Lächeln gefallen, so wie er gelächelt hatte über den finnischen Matrosen und den Zaren Peter, über den neuen Samtrock und Fräulein Kitty Rutz und über alles Tun der Menschen.


Nun sind abermals einige Jahrzehnte hingegangen, ohne daß sich in den Umständen des Herzogs von Croy etwas geändert hätte. Viele Dinge in Reval haben ein anderes Ansehen bekommen; nur er nicht. Darüber nähert sich das neunzehnte Jahrhundert seinem Ende.

Im Schloß auf dem Domberge, hoch über der Stadt, wo zu des Herzogs Lebzeiten Matthias von Poorten als Statthalter des Königs von Schweden residiert hat, dort wohnen seit fast zweihundert Jahren die Gouverneure der russischen Kaiser. In ihre Reihe gehört Herr Skalosubow, der sich als brauchbarer Verwaltungsbeamter in Sibirien bewährt hat und frisch von dort in das alte deutsche Reval versetzt worden ist. Er weiß, was die Petersburger Regierung von ihm erwartet, nämlich Tatkraft, Verständnis und Geschick. Diese drei Eigenschaften bedeuten im vorliegenden Falle, daß er alles daransetzen soll, das Gouvernement Estland mit seiner Hauptstadt geräuschlos seiner noch verbliebenen alten deutschen Sonderprivilegien zu entkleiden und beide nach Möglichkeit den Gouvernements und Gouvernementsstädten Kaluga, Tambow, Wjatka oder Simbirsk anzugleichen. Skalosubow hat Ehrgeiz, Skalosubow möchte Minister werden; also ist er entschlossen, tatkräftig, verständnisvoll und geschickt zu sein.

Skalosubow ist noch nicht lange in Reval, da meldet er bereits dem Innenministerium, er sei einem unerhörten Zustande auf die Spur gekommen. Im Nebenraum einer lutherischen Kirche liege unbeerdigt und ohne jegliche vorschriftsmäßige Abzeichen ihres hohen Ranges die Leiche eines kaiserlichen Generalfeldmarschalls und sei seit längerer Zeit unter unbegreiflicher Duldung der Behörden zu Schaustellungen benutzt worden, in einer Weise, die nicht nur aller gesetzlichen Grundlagen ermangele, sondern geradezu einen Hohn auf die Ehre und Würdigkeit der russischen Armee darstelle. Sofort nachdem dieser empörende Zustand zu seiner Kenntnis gelangt sei, habe er in schuldiger Anhänglichkeit fürdas kaiserliche Haus, die Ehre der Armee und seine eigenen dienstlichen Obliegenheiten die Schließung und Versiegelung des Kapellenraumes verfügt und den Kirchenvorstand wissen lassen, daß er sich weitere Maßnahmen vorbehalte. Den städtischen Behörden habe er eine strenge Rüge zuteil werden lassen. Ganz gehorsamst bitte er nunmehr das Ministerium der inneren Angelegenheiten, sich mit dem Kriegsministerium in Verbindung setzen zu wollen, damit Verfügungen über eine schleunige und dem hohen Rang des Toten angemessene Beisetzung auf dem Revaler Militärfriedhof getroffen werden könnten.

Das Innenministerium setzte sich mit dem Kriegsministerium in Verbindung, und schon nach wenigen Monaten erhielt Skalosubow eine Antwort.

Zum Verständnis dieser Antwort muß gesagt werden, daß in den fast zweihundert Jahren, die seit Croys plötzlicher und formloser Ernennung zum Generalfeldmarschall verflossen waren, dieser Rang und Titel eine sehr hohe und auszeichnende Seltenheit erlangt hatte. Kaum konnte das lebende Geschlecht sich rühmen, einen russischen Generalfeldmarschall mit Augen gesehen oder gar seiner Bestattung beigewohnt zu haben. Für eine solche hatte mittlerweile die militärische Etikette überaus strenge und umständliche Vorschriften entstehen lassen. Ein Vertreter des Kaiserhauses, der Ministerkonseil, fast die gesamte Generalität, Abordnungen aller russischen Regimenter mit ihren Fahnen, Abordnungen der Flotte, der militärischen Bildungsanstalten hatten zugegen zu sein, und der Trauersalut durfte nur von der Gardeartillerie geschossen werden. Allen Teilnehmern mußten je nach ihrem Range Reise- und Tagegelder gewährt werden.Die Abordnungen der sibirischen, der mittelasiatischen Garnisonen bedurften zur Hin- und Heimfahrt einer langen Reihe von Wochen. Und dieser ungeheuerliche Aufwand an Geld, an Zeit, an Menschenkräften hätte geleistet werden sollen um eines Mannes willen, dessen die Kriegsgeschichte kaum mehr Erwähnung tat, es sei denn, daß sie ihm die Schuld an der verlorenen Schlacht vor Narwa beimaß, eines Mannes, dessen Leichnam zwei Jahrhunderte lang nichts anderes gewesen war als das dreiköpfige Kalb eines Schaubudenbesitzers? Da entsenden die großen Zeitungen Europas und Amerikas ihre Berichterstatter, ihre Zeichner und Fotografen, die ganze Welt liest, die ganze Welt lacht!

»Il est fou, notre ami Scalozouboff«, sagt der Kriegsminister freundlich. »Man hätte ihn in Sibirien lassen sollen.«

Skalosubow erhält also auf seinen Bericht die Antwort, die in solchen Fällen gebräuchlich ist: nämlich, er möge die Sache erneut untersuchen und sodann abermals einen Bericht einreichen. Skalosubow ist lange genug im Dienst, um zu begreifen,wie das gemeint ist. Das Erstatten eines solchen zweiten Berichts gehört zu den heikelsten Leistungen, die von einem Beamten gefordert werden können. Hier hat er die Aufgabe, das Gegenteil der von ihm kundgetanen Meinung kundzutun, ohne sich bloßzustellen. Er hat zu zeigen, daß das von ihm als schwarz Bezeichnete weiß ist, daß er aber dennoch recht hatte, es als schwarz zu bezeichnen.

Skalosubow hatte einen alten Schreiber, Timofej Sacharowitsch Masilkin, der ihn durch alle Strecken seiner bisherigen Laufbahn begleitet hatte und gewohnt war, seinem bescheidenen Range zum Trotz in allen schwierigen Dingen unauffällig das letzte Wort zu haben. Skalosubow ließ ihn rufen und erzählte ihm mißlaunig die Angelegenheit, wobei er klar zu verstehen gab, wie fest er sich auf Masilkins Findigkeit verlasse. Masilkin deutete mehr durch Mienen als durch Worte in allem schuldigen Respekt an, so gehe es eben, wenn die Hohe Exzellenz Schritte tue, ohne sich zuvor mit ihm beraten zu haben. Darauf versprach er dem Gouverneur, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen. Er überlegte, er hörte sich um, er überlegte abermals und fand schließlich den Ausweg. Nach einer kleinen Weile schon legte er der Hohen Exzellenz den Entwurf des neuen Berichtes vor. Skalosubow las, Skalosubow pfiff durch die Zähne, Skalosubow unterschrieb. Der Bericht ging ab, und von nun an bewunderte und beschirmte Skalosubow seinen Schreiber noch mehr als zuvor. Binnen kurzem war Masilkin ein wohlhabender Hausbesitzer.

Masilkin nämlich, der wendige, spürige, findige Masilkin, war bei seinem Stöbern über die deutschen Wörter: Bestatten, Beerdigen, Begraben, Einsargen und Beisetzen geraten, unter die er den alten revalschen Sprach- und Bestattungsgebrauch des »Senkens« mengte. Er brachte in seinem Bericht alle diese Worte in deutscher Sprache vor, von Anführungsstrichen eingefaßt, er schüttelte und wirbelte sie durcheinander, erklärte jeden dieser Begriffe durch einen anderen, welcher seinerseits für das Verständnis der Petersburger Behörde der Erklärung bedurft hätte, und verwirrte sie allesamt.

Und so war denn in des Gouverneurs Bericht zu lesen, er habe befehlsgemäß die von ihm eingeleiteten Untersuchungen fortgesetzt und dabei in Erfahrung gebracht, daß die hierorts übliche »Senkung« zwar unterblieben, eine Einsargung indessen bereits vor langer Zeit vorgenommen worden sei. Mittlerweile habe er selber die Senkung ins Werk bringen lassen und glaube damit im Sinne der vorgesetzten Dienststelle gehandelt zu haben. Fürdas bei Senkung von Generalfeldmarschällen zu beobachtendeZeremoniell gebees seines Wissens keine Vorschriften, da die einschlägigen Verfügungensichsamtundsonders,wieihremWortlautohneweiteres zu entnehmen sei, lediglich auf Einsargungenund Begräbnis bezögen. Sollte das Kriegsministerium die Vornahme nachträglicher militärischer Ehrungen wünschen, so bitte er um Befehle; er werde die Angelegenheit alsdann pflichtschuldigst dem Garnisonskommando übergeben. Einstweilen hoffe er das Innenministerium mit den von ihm getroffenen Maßnahmen einverstanden.

Auf diesen Bericht hat Skalosubow keine Antwort mehr erhalten; es sei denn, man wolle in der Verleihung eines nicht übermäßig hohen Ordens, die ihm anläßlich eines Festtages im Herrscherhaus nicht lange danach widerfuhr, eine Antwort erblicken.

Die Senkung aber, welche Skalosubows Bericht als vollzogen meldet, ist folgendermaßen geschehen. Auf Skalosubows Befehl wurde in der Clodtschen Kapelle ein Stück des steinernen Bodens ausgehoben, groß genug, um einen stattlichen Sarg aufzunehmen. An einem kalten Januartage fanden die Bestellten sich in der Kapelle ein. Es waren der Oberpastor Luther, Hauptgeistlicher zu St. Nikolai, der Küster samt vier Friedhofsarbeitern, der städtische Polizeimeister und ein Vertreter des Garnisonskommandos. Sie standen wartend neben der dunklen Bodenöffnung in der eisigen Kapelle und sahen stumm auf den Herzog, der unter seiner gläsernen Sargdecke gleichmütig lächelte. Dem Küster war es trübselig ums Herz, und nicht nur wegen der Besichtigungsgelder. Er sagte flüsternd: »Herr Oberpastor, ich hätte eher geglaubt, Reval stürzt ein, als daß unser Herzog unter den Steinboden müßte.«

Der Geistliche gab keine Antwort, denn nun erschien der Gouverneur mit seinem Adjutanten und mit seinem Schreiber Masilkin. Er grüßte kurz und sagte: »Ich bitte anzufangen.«

Die Militärs salutierten, der Oberpastor sprach ein Vaterunser. Danach sagte er: »Erde zu Erde, Staub zu Staub.«

Die Friedhofsarbeiter schlangen die Stricke um den Sarg und ließen ihn hinab. Die Blicke aller Anwesenden lagen auf des Herzogs lächelndem Gesicht, bis die Schatten der Gruft es unkenntlich machten. Und diese elf Männer sind die letzten auf Erden gewesen, die den Herzog von Croy mit Augen gesehen haben.

Draußen vor der Kirche standen trotz der Kälte viele Neugierige, doch wurden sie von einem Polizeibeamten am Betreten der Kirche gehindert. Als sie die Russen herauskommen, in ihre Schlitten steigen und davonfahren sahen, da war es einigen, als müßten mit dem Herzog von Croy manche von Revals alten Schutzgeistern zu dieser Stunde im Kapellenboden vermauert worden sein.

Und hiermit endet der Todeslauf des Herzogs fast zweihundert Jahre, nachdem sein Lebenslauf geendet hatte. Zweihundert Jahre lang hat er immer wieder die Hirne und Zungen, die Herzen und Federn der Menschen beschäftigt. Er ließ ihnen keine Ruhe.

Die Gruft der Clodtschen Kapelle wurde verschlossen mit einem schlichten Grabstein, welcher den Namen des Herzogs trägt.

Unter allem alten Zierat der Nikolaikirche findet sich auch eine Folge von Gemälden, welche auf ihre wunderliche und einfältige Art die Geschichte des Erzvaters Jakob erzählen und lauter Männer in der Revaler Patriziertracht des siebzehnten Jahrhunderts abschildern. Da reist Jakob in Mantel, Schlapphut und Tellerkrause nach Ägypten, und da wird er endlich in einem Sarge, der, weithin lesbar, mit dem Namen »Jakob« bezeichnet ist, zu Grabe geführt. Unter jedem Bilde steht ein vierzeiliger Vers. Der des letzten lautet:


»Jakob endlich kommt zur Ruh,

als er schleußt die Augen zu.

Unsere Ruh wird gleichfalls seyn

unter einem Leichenstein.«


Und unter einem Leichenstein ist denn auch der Herzog von Croy endlich zur Ruhe gekommen. Aber wer von uns Kurzwissenden kann sagen, es sei seine letzte?

 

© 1949 by Arche Literatur Verlag AG, Zürich-Hamburg

  • Country in which the text is set
    Estonia
  • Featured locations
    Tallinn / Reval
  • Bibliographic information
    Der Tod von Reval. Kuriose Geschichten aus einer alten Stadt. Hamburg 1939
  • Translations
    Language Year Translator
    Estonian  1999  Rein Sepp & Mati Sirkel 
  • Year of first publication
    1939